Auf Lesbos ist kein Tag wie ein anderer

Hilfe zu leisten, ist meist einfacher, als man denkt. Diese Erfahrung hat auch Marcus Gercke gemacht. Der 19-Jährige studiert an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg Sozialwissenschaften. In seinen Semesterferien reiste er mit Freunden für 10 Tage nach Lesbos, um Flüchtlingen zu helfen. Zu dieser Zeit wurde noch über den EU-Türkei-Deal verhandelt. Er trat er in Kraft, als Marcus die Insel bereits verlassen hatte. Im Interview mit DieWaehlerischen erzählt er von seinen Erfahrungen.

 

DSC_0655, CC Marcus Gercke

Wie hast du dich auf die Reise nach Lesbos vorbereitet?

Ganz wichtig ist, dass man nicht uninformiert fahren sollte. Nachdem wir Flüge gebucht hatten, begannen wir uns aktiv zu informieren und zuerst lernten wir: Dort ist jeder Tag anders, die Situation ändert sich von Tag zu Tag, man kann nichts planen.

Es gibt online ein Dokument, mit Infos über die Insel, deine Tätigkeiten und auf was man sich psychisch vorbereiten sollte. Damit habe ich mich sehr intensiv vorbereitet.

 

Was war dein erster Eindruck von der Lage dort?

Mytilini sieht aus wie eine normale griechische Kleinstadt. Also vergleichbar mit einer deutschen Kleinstadt in den 70’er Jahren. Überall sind offene Stromleitungen zum Beispiel.

 

Und die Kosten hast du komplett selbst getragen?

Wir haben für die Flüge 50 Euro bezahlt. Wir hatten keine Unterhaltskosten im Camp. Generell habe ich nicht gedacht, dass humanitäre Hilfe finanziell und logistisch so einfach sein kann. Man braucht keine speziellen Qualifikationen, wie Rettungsschwimmer oder Sanitäter. Ich hatte auch keine.

 

Bist du der Meinung, dass diese mit wenig Aufwand verbundene Hilfe besser kommuniziert werden müsste?

Ich denke, die Leute, die sich damit auseinandersetzen oder aus dem linken und alternativen Spektrum kommen, wissen das schon.

 

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Refugee Camp der No Border Kitchen und deren Sanitäre Anlagen: es gab keine Toilette und keine Dusche, nur getrennte Waschbecken.

 

Hast du vor Ort für eine NGO gearbeitet?

Man kann über NGOs arbeiten, klar. Aber diese Form der sehr organisierten Hilfe wollten wir nicht. Wir haben nach kleinen Projekten gesucht. Über eine Freundin habe ich von einer anarchistischen Organisation erfahren, die No Border Kitchen aus Hannover.

Wir sind direkt nach Mytilini auf Lesbos gefahren, haben 2 Nächte in einem Hostel geschlafen und dann vor Ort entschieden, wo wir helfen werden. Wir haben bei unserer Ankunft erfahren, dass bei der No Border Kitchen longtime volunteers aufhörten und so fiel die Entscheidung leicht.

 

Wie habt ihr im Camp gelebt?

Wir haben im Refugee Camp im Zelt mit Schlafsäcken gelebt. Ich habe immer sehr gefroren in der Nacht. Es war ja Februar.  Die einzigen Wärmequellen waren kleine Lagerfeuer. Es ist immer wieder heftig zu sehen, dass die Menschen dort unter diesen Bedingungen leben- und das nicht nur für 10 Tage, so wie bei mir. Eine krasse Notsituation.

 

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Die Geflüchteten konnten im Lager mit anpacken. Hier sieht man sie beim Kochen.

 

Wie ist die No Border Kitchen organisiert?

Die Abläufe vor Ort wurden so vermittelt, dass jeder schnell mit anpacken kann. Es gibt ein fortlaufendes Hamster Book. Darüber wurde erklärt, wie man Arbeit aufteilt, von welchen Organisationen man Geld oder Spenden annimmt und von welchen nicht, da sie nicht unseren moralischen Idealen entsprechen.

 

Wie finanziert sich die No Border Kitchen?

Sie ist komplett spendenfinanziert. Man versucht sich selber zu finanzieren, aber wir nahmen auch Sachspenden an, wie Gemüse. Wir haben nur vegan gekocht. Wir haben Kleidung von der UNHCR erhalten. Und auch Zelte und Schlafsäcke. Es gibt eine gute Sachspendenorganisation vor Ort. In großen Ware Houses kommen die Spenden an und man sagt dort, was man braucht und holt es ab.

 

Wie schnell merkt man politische Entscheidungen der Europäischen Union?

Jede einzelne Aktion der EU merkt man extrem. Es ist genauso schlimm, wenn sie nichts tut, wie, wenn sie die Balka

nroute schließt. Da gab es sofort einen Rückstau. Jeder Tag ist anders, nichts ist vorhersehbar.

 

Du hast eine krasse Erfahrung auf Lesbos gemacht. In einer Nacht erreichte ein Boot voller Flüchtlinge euren Strand. Was passiert, wenn ein Boot ankommt?

Es gab ein Boatlanding-Protokoll. Generell gilt, dass es rund um die Uhr heißes Wasser geben muss. Bei einer Strandung wird Tee gemacht, alle Freiwilligen werden aufgeweckt. Die geflüchteten Kinder bekommen zuerst trockene Kleidung und was Warmes zu trinken. Dann mussten die Refugees nach Moria, um registriert zu werden, dann konnten sie ein Ticket für die Fähre nach Athen kaufen.

Wichtig zu sagen: das ist der Stand vor dem EU-Türkei –Deal. Die Situation hat sich dort komplett geändert.

 

Welche Erfahrungen hast du mit Flüchtlingen gemacht?

Durchweg gute Erfahrungen. Ich hatte öfters Küchendienst mit einen ehemaligen Küchenchef aus Syrien, der kein Englisch sprach. So konnten wir uns nur mit Händen und Füßen verständigen. Er war wie so ein Klischee-Küchenchef; hat immer so wild hin und her gestikuliert. Es war einfach sehr lustig, mit den Menschen zusammen zu sein. Dann habe ich auch jeden Abend Tagebuch geschrieben, und einmal kam einer der Refugees und fragte, was ich da mache und wollte auch was schreiben und dann haben wir zusammen übersetzt.

 

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Marcus mit einem Algerier beim Schachspielen. Mit Ferngläsern beobachteten die Helfer die See und hielten nach Booten Ausschau.

 

Du hattest also schon einen engeren Kontakt zu den Geflüchteten. Würdest du erneut in einem Flüchtlingscamp Hilfe leisten?

Ich brauch erstmal wieder Zeit, und vor allem eine andere Organisation, denn die No Border Kitchen wurde kürzlich geräumt.

 

 

Bilder: Marcus Gercke

Interview: Sarah Peinelt

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